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Eine Moschee ist mehr als eine Moschee

Veröffentlicht am 22/06/2019

Ali Özgür Özdil

  1. Was bedeutet eigentlich „Moschee“?

Die Moschee, bekannt als Gebets- und Versammlungsort (aus dem Arabischen „masjid“ (Ort des Niederwurfs“) oder „djami“ (Ort der Versammlung) der Muslime, spielt nicht nur im religiös-spirituellem Leben der Muslime eine zentrale Rolle. Moscheen – ursprünglich von privaten Stiftern gegründet – waren nie nur Gebetsräume. Sie waren zugleich auch Schulen oder Universitäten.

  1. Organisationsstruktur und die Vielfalt der Angebote

In Deutschland sind alle Moscheen eingetragene Vereine mit einem Vorstand und mit Mitgliedern. Die überwiegende Arbeit, mit Ausnahme des Imams, wird ehrenamtlich bewältigt. Moscheen bieten neben religiösen, auch soziale und kulturelle Dienstleistungen an. Zu den religiösen Dienstleitungen gehören die täglichen Gebete, die gemeinschaftlichen Freitags- und Feiertagsgebete, das Unterrichten der Kinder im Koran (in der Regel an den Wochenenden), Angebote im Fastenmonat Ramadan, die Organisation und Durchführung von Pilgerfahrten und des Opferfestes, Familien- und Eheberatung, Spenden- und Zakatverwaltung oder Krankenbesuche.

Moscheen haben oft eine Jugend- und Frauengruppe mit Angeboten für Jugendliche und Frauen. Dazu gehören unter anderem Unterricht, Vorträge, Gesprächszirkel, Ausflüge, Ferienkurse, Reisen etc. Es gibt auch teilweise Angebote, die nicht zu den typischen Aufgaben einer Moschee gehören, jedoch aufgrund der Nachfrage hinzukommen können, wie z.B. Hausaufgaben- und Nachhilfeunterricht oder Sprach- und Sportkurse.

Neben den Angeboten für Kinder (Unterricht) oder für Jugendliche (Freizeitangebote), ist die Moschee für ältere Menschen ein wichtiger Ort, wo sie teilweise sieben Tage in der Woche mit ihren Altersgenossen verbringen. Moscheen haben daher gelegentlich eine Teestube, wo jung und alt zusammensitzen, essen, Zeitung lesen, fernsehen oder sich unterhalten und wenn zum Gebet gerufen wird, zum gemeinsamen Gebet aufbrechen.

Die Moschee bietet somit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und den Älteren sowie Frauen und Männern unterschiedliche Möglichkeiten, um unter einem Dach ihren täglichen religiösen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen nachzugehen. Moscheen sind täglich von Morgendämmerung bis spät in die Nacht geöffnet. Imame und ehrenamtliche MitarbeiterInnen widmen teilweise mehrere Jahre ihres Lebens der Moscheearbeit, um in einem Moscheeverein z.B. Kinder zu unterrichten oder sich um die Jugend- oder Frauenarbeit zu kümmern. Es gibt Menschen, die ihre Zeit, ihre Kraft, ihr Geld, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in den Dienst der Moschee stellen, weil sie dies als eine wichtige Form des Gottesdienstes betrachten. Die Arbeit in der Moschee ist für sie eine gottgefällige Handlung und sie erwarten den Lohn für ihre Arbeit nicht von den Menschen, sondern von Gott. Die wenigsten Moscheen sind nämlich in der Lage, ein Personal zu finanzieren, das all diese Arbeiten leisten könnte. Viele Moscheen wären ohne Spendengelder noch nicht einmal in der Lage, ihre Imame zu finanzieren. Deswegen schließen sich viele Moscheen Dachverbänden an, von denen sie personell und finanziell unterstützt werden können.

  1. Historischer Rückblick

Die meisten der schätzungsweise 2500 Moscheen in Deutschland sind nicht auf den ersten Blick als solche sichtbar. Im Laufe der Jahrzehnte wurden günstige und passende Gebäude und Räume als Moschee genutzt oder zur Moschee umfunktioniert worden. Die wichtigsten Elemente dabei sind eine Gebetsnische (arab. Mihrab) und eine Freitagskanzel (arab. Minbar). Ca. 10% der Moscheen wurden vom Fundament aus als Moschee gebaut und sind dementsprechend oft sichtbar durch Kuppel und Minarett.

Aufgrund der Migrationsgeschichte, sind viele Moscheen in Deutschland, von denen die meisten von der 1. Generation ab den 1970er Jahren gegründet wurden, nach bestimmten Nationalitäten organisiert. Daher ist die Predigtsprache von Moschee zu Moschee unterschiedlich. Die Gemeinden sind jedoch in der Regel pluralistisch zusammengesetzt. Die meisten Muslime nehmen die Angebote bestimmter Moscheen deswegen an, entweder weil dort in ihrer Sprache gepredigt und unterrichtet wird oder weil sich die Moschee in der Nähe ihrer Wohnung oder Arbeit befindet. Mit dem Generationswechsel nimmt die Zahl der deutschsprachigen Muslime zu und es gibt auch Moscheen, in denen in deutscher Sprache gepredigt wird.

  1. Ein ganz normaler Tag in der Moschee

Muslime nutzen die Moschee für verschiedene Zwecke. Wer aber zum Beispiel in der Moschee beten möchte, wäscht sich entweder schon zuhause rituell oder direkt in der Moschee. Jede Moschee bietet Waschmöglichkeiten, weil die Waschung eine Voraussetzung für die Gebete ist. Vor dem Gebetsraum werden die Schuhe ausgezogen, weil in Moscheen Teppiche ausgelegt sind. Muslime treten in die Moschee ein, wenden sich gen Mekka (die Gebetsrichtung erkennt man an der Ausrichtung der Gebetsnische) und beten, indem sie stehen, sich verneigen, niederwerfen und sitzen. Anschließend sprechen sie Lobpreisungen und Bittgebete. Es gibt Muslime, die die Moschee zum Ausruhen oder sogar Schlafen nutzen. So kann man im Gebetsraum schlafende Menschen vorfinden, z.B. für Menschen auf der Durchreise. Man findet in Moscheen auch Menschen, die einfach nur Koran lesen oder ein Gesprächszirkel bilden. Sollte es in einer Moschee eine Teestube, ein Gemüseladen, einen Bücherladen, ein Informationsbüro oder einen Friseur geben, wird man auch diese Angebote von Muslimen täglich genutzt sehen. Solche Einrichtungen unter dem Dach der Moschee dienen nicht selten dazu, die Miete oder sonstige Ausgaben der Moschee zu decken. Bei größeren und zentraleren Moscheen wird man viele Menschen ein- und ausgehen sehen, wobei der eine zum Beten, ein anderer zum Essen und ein anderer vielleicht für eine Information kommt. In diesen Moscheen tobt also das kulturelle Leben und man trifft dabei regelmäßig seine Glaubensgeschwister.

  1. Moscheen als Orte des Dialogs

Viele Moscheen beteiligen sich seit 1997 am Tag der offenen Moschee (am 03. Oktober) und öffnen sich somit ihrer Nachbarschaft. Es gibt auch Moscheen, die Führungen anbieten, wie z.B. für Schulklassen. Des Weiteren gibt es Moscheen, die sich an Dialogveranstaltungen, Stadtteilfesten, Schulanfängergottesdiensten beteiligen oder Führungen für BesucherInnen anbieten. Studien zeigen (siehe Herbert-Quandt-Stiftung: Der Weg zur Moschee. Eine Handreichung für die Praxis. Bad Homburg v. d. Höhe 2002), je besser eine Moschee in der Kommune vernetzt ist, umso geringer sind die Vorbehalte und umso höher ist die Anerkennung.

 

Zur Person: Dr. Ali Özgür Özdil ist Islamwissenschaftler und Direktor des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts e.V. in Hamburg.

Publikationen zum Thema: Wenn sich die Moscheen öffnen. Münster 2002

 

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